Freitag, 16. Dezember 2016

Mein Plädoyer für Stockpicking

Mein Plädoyer für Stockpicking

In letzter Zeit habe ich einmal ein wenig die deutsche Finanzblogszene durchforstet und bin dabei auch auf den Finanzwesir gestoßen. Er schreibt in seinem Blog viele interessante Sachen, postet hilfreiche Links und hat durch seine Reichweite und breite Akzeptanz in der 'Szene' auch einen gewissen Einfluss. Dies trifft sowohl auf erfahrenere Akteure zu, aber auch auf Menschen, die sich noch nicht so viel mit dem Thema Finanzen auseinandergesetzt haben. Von daher wollte ich einmal die Chance ergreifen, ein paar Worte zu seinem Manifest zu verlieren. Das Glaubensbekenntnis ist einerseits sehr gut geschrieben, enthält aber andererseits eben auch eine recht zentrale Pauschalaussage, welche meiner Meinung nach schlichtweg falsch ist. Diese wäre 'Es ist unmöglich, den Markt zuverlässig zu schlagen'. Hätte er geschrieben 'Es ist schwer, den Markt zuverlässig zu schlagen' wäre ich voll bei ihm gewesen. So aber suggeriert er, dass man sich die gesamte Arbeit eigentlich sparen kann und einfach einen ETF kaufen sollte, der den Markt abbildet.

Der Vorschlag mit einen Welt-ETF ist meiner Meinung nach sehr gut geeignet für einen Investor, der

  1. keinen Bock mehr auf Sparbuch oder 0,025 % Tagesgeld hat und
  2. keine Zeit hat und
  3. keine Lust hat, sich in die Thematik 'Fundamentaldatenanalyse' einzuarbeiten

Für alle anderen (vor allem jungen) Leute ist dieser Vorschlag dahingehend kontraproduktiv, dass sie anschließend eventuell gar nicht erst versuchen, etwas Überdurchschnittliches zu erreichen. Das ist so, als ob man einem jungen Sportler sagt: Hör auf, härter zu trainieren. Es ist unmöglich, so schnell wie Bolt zu werden, so gut Fußball zu spielen wie CR7 oder aber so athletisch zu werden, wie LBJ. Die vom Finanzwesir getroffene Aussage entspricht im Endeffekt der von VWLern geliebten und gefeierten Markteffizienzhypothese.

Warum ich nichts davon halte, in diesem Bereich etwas als unmöglich anzusehen:

  1. Mir wurde relativ früh beigebracht 'Geht nicht gibt's nicht'. Wenn ich zu meinem Vater sagte 'Den Scheiß kann ich nicht', sagte er zu mir 'Kann ich nicht hat im Wortschatz eines Mannes nix zu suchen'
  2. Es gibt einfach zu viele Beispiele im professionellen (Warren Buffett, Charles Munger, Peter Lynch, Seth Klarman, Joel Greenblatt, Walter Schloss) als auch dem nicht-professionellen Bereich (z.B. MMI oder Geoff Gannon), welche der 'unmöglich'-Aussage entgegen stehen.
  3. Der Essay 'The Superinvestors of Graham-and-Doddsville' von Warren Buffett aus 1984 (hier).
  4. Wenn man den Markt schlagen möchte, der ja aus der Gesamtheit der guten, durchschnittlichen und schlechten Performer besteht, so muss man es lediglich schaffen, die guten Performer überzugewichten und die durchschnittlichen und schlechten Performer wenn möglich zu vermeiden. Ist das möglich? Sicherlich nicht zu 100 %, aber zumindest sollte es mit Fleiß und entsprechender Erfahrung möglich sein, seine Fehlerquote signifikant unter 50 % zu halten. Und wie schafft man das? Lesen, lesen, lesen... Und zwar Blogbeiträge über Unternehmen, Geschäftsberichte von Unternehmen und Erfahrungsberichte/Bücher von/über diejenigen, die es in der Vergangenheit schafften, den Markt dauerhaft zu schlagen.

Dies bedeutet nicht, dass man lieber pauschal auf aktiv gemanagte Fonds umsteigen soll, denn dort hat der Finanzwesir durchaus recht, was die allgemeine Underperformance angeht. Man sollte sich nur vor Augen halten, dass man als Privatinvestor gegenüber professionellen Investoren im Bezug auf Individualinvestments einige riesen Vorteile besitzt und diese auch nutzen sollte:

  1. Man hat weniger Restriktionen. D.h. man kann unabhängig davon investieren, welche Marktkapitalisierung das Unternehmen hat, welches Handelsvolumen, ob Dividende bezahlt wird oder nicht, ob Gewinne gemacht werden oder nicht, in welcher Branche oder welchem Land es beheimatet ist etc. Man ist da eigentlich vollkommen frei in seiner Auswahl.
  2. Man kann kaufen und verkaufen, wann man will. Redemptions etc. sollte es nicht geben, außer man hat auf Kredit spekuliert und der Kreditgeber will sein Geld wiedersehen. Aber das Investieren in Aktien per Kredit sollte man ja sowieso lassen.
  3. Man kann die Gewichtung im Portfolio so wählen, wie man möchte. D.h. man muss nicht verkaufen, wenn eine Position eine gewisse Gewichtung erreicht hat.
  4. Man muss kein Windowdressing betreiben. D.h. man kann langfristig denken/investieren und nicht nur von Quartal zu Quartal.
  5. Man ist niemandem Rechenschaft schuldig. Bringt man als professioneller Fondsmanager über einen längeren Zeitraum eine unterdurchschnittliche Performance, so ist man verbrannt und wird es in Zukunft schwerer haben, weiteres Kapital zur Verwaltung zu erhalten. Im Privatbereich gilt dies nicht. Hier kann man sich einfach folgende Skifahrerweisheit vor Augen halten: "Wer sich nicht auf die Fresse gehauen hat, hat es nicht hart genug probiert"

Mit dieser Einstellung bin ich letztendlich beim Value Investing gelandet. Ob dieser Bereich dann im Endeffekt zu einem passt, muss allerdings jeder für sich selbst herausfinden.

Auf Gurufocus habe ich vor kurzem übrigens einen hervorragenden Artikel von Grahamites zum Thema Value Investing gelesen. Ich selbst würde mich diesbezüglich erst auf Stufe 2 sehen. Es liegt also noch ein langer Weg vor mir. Wenn ich in diesem Zusammenhang das Wort 'Level' sehe, denke ich, dass man sein Leben in bestimmten Bereichen manchmal wirklich als eine Art Spiel betrachten sollte. Dabei muss man sich allerdings im Klaren sein, dass es keine Speicher- und Lademöglichkeiten gibt. In Rollenspielen fängt man ja meist auch mit Level 1 an und steigert dieses anhand des Sammelns von Erfahrung. Sich nicht mit Status Quo abzufinden, sondern sich stetig zu verbessern, dazulernen und andere Blickwinkel kennen zu lernen sind für mich Grundvoraussetzungen dafür, irgendwo Erfolg zu haben. Dies gilt meiner Meinung nach in allen Bereichen des Lebens (Arbeit, Sport, Partnerschaft, Kindererziehung, etc.).

Abschließend noch ein passendes Charlie Munger-Zitat dazu: "Spend each day trying to be a little wiser than you were when you woke up. Discharge your duties faithfully and well. Step by step you get ahead but not necessarily in fast spurts. But you build discipline by preparing for fast spurts. Slug it out one inch at a time, day by day. At the end of the day – if you live long enough – most people get what they deserve."

Kommentare:

  1. Sehr schöner Artikel. Kann ich nur unterstreichen :).

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  2. Toller Artikel. Sehe ich auch so. Ich denke, neben jedem Tag ein bisschen besser werden, gehört auch dazu sich jeden Tag kritisch zu hinterfrage und sich seine Fehler einzugestehen. D.h. auch zu erkennen, wann man auf die Fresse geflogen ist. Dies ist beim Investieren nicht immer so eindeutig, wie bei Skifahren.

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  3. Danke dir für diesen schönen Artikel. Bin hier auch voll bei dir! Die Märkte sind nicht (immer) effizient. Dafür gibt es wie du schreibst viele Beispiele. Das ganze Thema Behavioral Finance ist meiner Meinung nach auch überhaupt erst entstanden, weil die Effizienzmarkthypothese die realen Abweichungen der Preise vom intrinsischen Wert nämlich nicht erklärt.

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  4. Joerg
    "Wer allzeit strebend sich bemueht ..."
    wird trotzdem vielleicht nicht gerettet.
    Zuerst einmal PRIMA. Warum nicht versuchen mit Einzelaktien erfolgreich zu sein. Auch, wenn es schwer ist, unmoeglich ist es natuerlich nicht ...
    Immerhin bist du so der bessere Buerger:
    http://www.finanzwesir.com/blog/dividendenstrategie#1478340818
    Und es muss ja nicht jeder dich nachahmen:
    http://timschaefermedia.com/gebuehren-sind-wie-termiten-sie-fressen-alles-auf/#comment-22703
    Keine Frage, es gibt den naechsten BOLT oder BUFFET, und vielleicht ... ja ganz vielleicht gelingt es dir ...
    auch wenn es vielen Mitstreitern nicht gelinkt (mit k) :-)
    Meinen Segen hast Du!

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    1. Hallo Jörg,

      danke für den Kommentar, auch wenn ich nicht alles verstanden habe, was du mir sagen wolltest...

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