Dienstag, 17. September 2019

Kommentar zu Beyond Meat und Vorstellung einer fränkischen Alternative

Kommentar zu Beyond Meat und Vorstellung einer fränkischen Alternative

Mit Beyond Meat hat es in diesem Jahr ein Unternehmen in die Schlagzeilen und Depots vieler Investoren gebracht. Dabei handelt es sich um einen amerikanischen Hersteller veganer Fleischersatzprodukte, welcher 2009 gegründet wurde. Sie gingen im Mai diesen Jahres an die Börse und trafen auf ein williges Investorenpublikum, welches dafür sorgte, dass die Aktie am ersten Handelstag prozentual dreistellige Zuwächse verbuchte. Mittlerweile haben sie eine Marktkapitalisierung von über 9 Mrd. Dollar erreicht bei einem TTM-Jahresumsatz von 165 Mio. Dollar und einem TTM-Nettoverlust von knapp 33 Mio. Klingt für mich erstmal nach einem Unternehmen, welches ich aktuell und wohl auch in naher Zukunft mit der Kneifzange nicht anfassen würde, auch wenn mich die Lebensmittelbranche irgendwo interessiert.

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, einen fränkischen Unternehmer aus der Fleischprodukt-Branche kennenzulernen: Marcus Fischer, Fleischermeister und Inhaber der Anton Fischer Fleischwaren AG aus Bamberg (leider nicht börsennotiert und damit auch nicht für Otto-Normalverbraucher investierbar). In einem sehr netten Gespräch bei fränkischen Spezialitäten (lecker Bier, Brezn und natürlich diversen Produkten seiner Firma) konnten wir uns auch ein wenig über die Branche unterhalten und er bestätigte mir, dass es einerseits ein hart umkämpftes und margenenges Gebiet ist und dass andererseits auch die hiesigen Branchenteilnehmer die Zeichen der Zeit erkannt haben und mit Innovationen um die Ecke kommen (müssen). Diese Innovationen betreffen dabei einmal das Produktangebot selbst, als auch alternative Vertriebswege neben der klassischen Wursttheke. Im Falle von Fischer's kann man das Ergebnis online bei 'Fischer's Dosenfestival' bestaunen.

In diesem Online-Shop gibt es Liebold´s Leberkäs in diversen Geschmacksvariationen zu bestellen, wobei eben mit Liebold´s Leberkäs "Der Veggie Franke" auch ein Angebot für Liebhaber vegetarischer Kost verfügbar ist. Alle Liebold's und Fischer's-Produkte kommen ohne Zusatzstoffe (außer Pökelsalz natürlich) und ohne künstliche Geschmacksverstärker daher und sind lactose- und glutenfrei. Sie werden in Dosen in einem hochwertigen, nachhaltig produzierten, gekühlten Versandpaket zugeschickt und sind - trotz Verzicht auf Zusatzstoffe - gekühlt 6 Monate haltbar. Wir haben uns mit Freunden einmal quer durch das gesamte Liebold´s-Sortiment geschlemmt und müssen - v.a. nach 10 Tagen All-Inclusive-Urlaub in der Türkei - zugeben: deutsche Wurstmacher habens halt drauf. Die Produkte sind von unserer Warte aus alle eineingeschränkt empfehlenswert.

Fazit:

Der Trend hin zu veganem Essen lässt sich in der heutigen Zeit nicht vemeiden und ich als bekennender Fleischkonsument muss zugeben, dass es - wie "Der Veggie Franke" beweist - vielen Unternehmen mittlerweile gelungen ist, Produkte zu erstellen, welche - sowohl vom Aussehen als auch vom Geschmacksemfpinden her - dem jeweiligen Original recht nahe kommen. Die Zeiten von grauer Tofuwurst als einziger Alternative sind eindeutig vorbei. Und genau dieser Punkt ist es, der mich wohl auch in Zukunft davon abhalten wird, in Beyond Meat zu investieren.

Ja: es gibt einen wachsenden Markt, aber gleichzeitig ist es ist ein hart umkämpftes Geschäft, in dem am Ende vieles über den Preis geregelt wird. Dazu gibt es zahlreiche etablierte Marktteilnehmer (Groß und Klein), welche den Newcomern das Schlachtfeld nicht kampflos überlassen werden und die Gewinne bzw. positiven Cashflows aus dem klassischen Geschäft (d.h. nicht vegetarisch) für die neuen Geschäftsbereiche nutzen (müssen). Das ist für mich durchaus vergleichbar mit 'Tesla vs. den Rest der Autobranche'.

Ich denke, dass in Zukunft noch mehr Unternehmen ein Stück vom Kuchen abhaben möchten, der am Ende vielleicht nicht ganz so stark wächst bzw. so groß ist, wie es sich Beyond Meat-Investoren wünschen. Den Investoren in Beyond Meat wünsche ich viel Glück. Sie werden es meiner Ansicht nach brauchen.

Disclaimer: Ich wurde von Herrn Fischer weder gebeten, diesen Artikel zu schreiben, noch bekomme ich Geld dafür. Mir wurden lediglich zur Verköstigung einige Produktproben zukommen lassen, die ich allerdings auch als 'Otto-Normalverbraucher' erstehen würde. Die Verlinkungen zum Online-Shop 'Fischer's Dosenfestival' sind KEINE Affiliate-Links.

Sonntag, 7. Juli 2019

Mohnish Pabrai - 'The Dhandho Investor' - "Heads, I win! Tails, I don't lose that much!"

Mohnish Pabrai - 'The Dhandho Investor' - "Heads, I win! Tails, I don't lose that much!"

Nach längerer Zeit habe ich mal wieder ein Buch zum Thema 'Value Investing' gelesen, welches ich absolut weiterempfehlen kann. Und zwar 'The Dhandho Investor - The Low-Risk Value Method to High Returns' vom indisch-amerikanischen Value Investor Mohnish Pabrai.

Zum Autor:

Mohnish Pabrai (Jahrgang 1964) war viele Jahre in der IT-Industrie tätig und verkaufte im Jahr 2000 eine von ihm gegründete IT-Beratungsfirma für 20 Mio. $ an Investoren. Seither fungiert er hauptsächlich als Manager des Pabrai Investment Funds. Seine großen Vorbilder sind Benjamin Graham, Warren Buffett und Charlie Munger. 2007 ersteigerte er zusammen mit seinem Kumpel Guy Spier (Autor des auch lesenswerten Buches 'The Education of a Value Investor') ein Mittagessen mit Buffett für knapp 650.000 $. In diesem Zusammenhang ist das tatsächliche Vorhandensein von Inflation gut erkennbar, denn in diesem Jahr ging dieses Wohltätigkeitsmittagessen für 4,57 Mio. $ weg. Aber das nur am Rande.

Pabrai ist bekennende 'Copycat' und investiert nach Buffetts Prinzipien. D.h. nur in Sachen, die er versteht (Invest in Simple Businesses), nur wenn etwas unter seinem 'inneren Wert' gekauft werden kann (Margin of Safety - Always) und sehr konzentriert (Few Bets, Big Bets, Infrequent Bets). Die Gebührenstruktur seines Fonds hat er an Buffetts Partnerships angelehnt. Beispiele seiner letzten bekannten Investments kann man bei Gurufocus einsehen (hier). Ich weiß, dass er in den letzten Jahren teilweise ein schlechtes Händchen hatte (Stichwort Horsehead), aber teilweise auch ein gutes (Stichwort Ferrari und Fiat Chrysler - wobei er wohl aus aktueller Sicht Fiat Chrysler genau so hätte verkaufen sollen, wie Ferrari). Er gibt seinen Ideen Zeit, sich zu entwickeln (Zeithorizont 3 Jahre). Kurzfristige Schwankungen nutzt er gerne aus, um preiswert nachzukaufen.

Zum Buch:

Das Buch selbst ist sehr gut und flüssig lesbar, allerdings mit 200 Seiten nicht sonderlich umfangreich. D.h. in 1-2 Urlaubstagen ist man damit durch. Es erschien 2007, also noch vor Ausbruch der Finanzkrise. Pabrai erklärt zunächst anhand einiger interessanter Fallbeispiele (z.B. von den Patel-Motels, Richard Bransons Virgin Atlantic oder aber Lakshmi Mittals Stahlimperium), wie man Investmententscheidungen treffen kann. Ein Satz, den man dabei relativ häufig liest, ist "Heads, I win! Tails, I don't lose that much!" D.h. es geht ihm darum, Investments zu finden, bei denen man viel gewinnen kann, wenn es gut läuft und nur wenig verliert, wenn es nicht gut läuft. Diese Idee findet man auch bei Seth Klarman wieder (Margin of Safety) oder Howard Marks. In den dann folgenden Kapiteln erläutert er, wie er selbst Investmentideen entwickelt ('Copycat') und wie er dann Investmententscheidungen trifft (u.a. Nutzung der sogenannten Kelly Formula). Der Rest geht dann leicht ins Philosophische über (u.a. Erläuterung von Abhimanyu's Dilemma oder aber auch, warum er 'The little book that beats the market' gut findet).

Fazit:

Alles in allem ist es ein nettes Buch, mit dessen Ideen ich mich sehr gut identifizieren kann. Wer sich für das Thema Value Investing interessiert, kann hier nicht viel falsch machen.

Sonntag, 12. Mai 2019

Vorstellung des 'Digital Leaders Fund' (ISIN DE000A2H7N24)

Vorstellung des 'Digital Leaders Fund' (ISIN DE000A2H7N24)

Es gibt so Dinge, für die man sich in den Arsch beißen könnte. Eines dieser Dinge in Bezug auf meine Investments ist (Stand heute), dass ich mir nicht Ende letzten Jahres Anteile am 'Digital Leaders Fund' gekauft habe. Diesen hatte ich zwar auf dem Einkaufszettel stehen für den Fall einer Korrektur, aber irgendwie habe ich es versäumt und erst heute mal wieder einen Blick drauf geworfen. Seit Weihnachten hat er nämlich knapp 25 % gemacht, was für einen aktiv gemanagten Fonds mit verhältnismäßig hoher Cashquote überaus bemerkenswert ist.

Der 'Digital Leaders Fund' ist seit knapp einem Jahr auf dem Markt. Er wurde von Baki Irmak und Stefan Waldhauser ins Leben gerufen, wobei mir Stefan vor allem daher bekannt ist, dass er auf meinem Blog doch ab und an umfang- und hilfreiche Kommentare hinterlassen hat. Wer mehr über ihn erfahren möchte, dem kann ich nur sein Interview mit dem Finanzrocker Daniel Korth vom März diesen Jahren wärmstens empfehlen. Auch sein eigener Blog 'High-Tech-Investing' und die Webseite vom DLF sind sehr lesenswert.

Der Fonds ist auf Investments in Unternehmen spezialisiert, bei denen die Digitalisierung eine zentrale Rolle spielt. Zugegeben: das mit der Digitalisierung machen fast alle Unternehmen irgendwie, aber dabei gibt es eben auch welche, die es erfolgreicher machen, als andere. Und da diese damit eine bessere Zukunftsfähigkeit haben, ist die Wahrscheinlichkeit einer damit oft einher gehenden positiven Aktienkursentwicklung natürlich auch höher. Bei den investierten Unternehmen handelt es sich nicht nur - wie man vielleicht denken könnte - nur um Technologieunternehmen, sondern es sind auch Unternehmen aus traditionellen Branchen wie Banken enthalten.

MMI von valueandopportunity hat Anno 2015 in einem Blogartikel mal aufgelistet, welche Kriterien ein aktiv gemanagter Fonds erfüllen muss, damit er darin investieren würde. Für mich (wichtig: jeder muss sich da selbst ein Urteil erlauben) wären beim Digital Leaders Fund alle 6 Kriterien mehr oder weniger erfüllt.

In Bezug auf Punkt 1 der MMI-Auflistung (The manager has to be trust worthy) ist dies schon daher gegeben, da ich viele Gemeinsamkeiten mit einem der Hauptakteure (sprich Stefan) habe. Diese wären:

  • langfristige Denkweise beim Investieren und Vermeidung von Trading
  • eines der Investment-Lieblingsbücher 'One up on Wall Street' von Peter Lynch
  • wirtschaftslastiges Studium (Wirtschaftsinformatik bei mir, Wirtschaftsmathematik bei Stefan)
  • Fan des FC Bayern
  • viele Jahre Arbeit in der Softwarebranche als Softwareentwickler
  • Familienmensch mit 2 Kindern; da er in Herzogenaurach lebt, stellt sich nur die Frage: Adidas (ich) oder Puma? :-)

Spaß beiseite: Der DLF bleibt aktuell auf meinem 'Einkaufszettel für gewisse Momente' und irgendwann wird es auch mal wieder eine gute Einstiegsgelegenheit geben. Er dürfte für alle was sein, die langfristig denken, auf eine gewisse Transparenz stehen (im Rahmen des regulatorisch zulässigen), die sich (wie ich) mit der Bewertung von High-Growth-Unternehmen schwer tun, bei denen das Fondvolumen Wurst ist und die ihre Investmententscheidungen nicht von TER-Prozentpunkten abhängig machen. Einige Leser werden sich jetzt evtl. fragen "Warum macht der hier eigentlich Werbung für einen aktiv gemanagten Fonds", obwohl ich doch eher ein Freund des Stockpickings bzw. alternativ von breit gestreuten ETFs bin? Einfache Antwort: weil ich finde, dass der angesprochene Fonds ein interessantes Konzept hat und in Zukunft so viel Erfolg, wie möglich haben sollte.

Disclaimer: Ich bekomme kein Geld für diesen Artikel, besitze aktuell keine Fondsanteile und kenne niemanden persönlich, der mit dem Fonds zu tun hat und von diesem profitiert. Dieser Artikel ist aus freien Stücken entstanden und stellt weder eine Kauf-, Halte- noch eine Verkaufsempfehlung dar.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Bruce Greenwald - 'Value Investing - From Graham to Buffett and Beyond'

Bruce Greenwald - 'Value Investing - From Graham to Buffett and Beyond'

Mein letztes 'Auf dem Weg zur Arbeit'-Buch war 'Value Investing - From Graham to Buffett and Beyond'. Dabei handelt es sich um einen knapp 300-seitigen Mix aus einer akademischen + gleichzeitig doch praxisnahen Betrachtung des Themas Value Investing sowie der Vorstellung von 8 ausgewählten Value Investoren. Das Buch erschien 2001 und wurde hauptsächlich vom bekannten Columbia University-Wirtschaftsprofessor Bruce Greenwald verfasst.

Zum Buch:

Auf den ersten 150 Seiten stellt Bruce Greenwald seine Sichtweise auf das Thema Value Investing vor. Er geht dabei vor allem darauf ein, wie sich der Wert eines Unternehmens zusammensetzt (=Asset Value + Earnings Power Value + Value of Growth) und welche Möglichkeiten es gibt, einen Näherungswert für diesen Gesamtwert zu bestimmen. Für eine Kauf- und Verkaufentscheidung ist dieser Wert dann mit dem aktuell am Markt aufgerufenen Preis zu vergleichen, wobei man - da es ja nur ein Näherungswert ist - eine sogenannte Sicherheitsmarge mit einfließen lassen sollte.

Anhand verschiedener 'echter' Fallbeispiele wie Hudson General, WD-40 und Intel geht er auf die verschiedenen Bestandteile des Gesamtwertes eines Unternehmens ein. D.h. bei Hudson General nimmt er die Bilanz auseinander (inkl. versteckter Assets), bei WD-40 bestimmt er den Earnings Power Value und bei Intel zeigt er, wie man dem Wachstum eines Unternehmens einen Wert zuweisen kann. Die gewählten Beispiele machen seine Herangehensweise relativ transparent, zeigen aber auch, dass eine Unternehmensanalyse in Summe dann auch recht umfangreich werden kann. Etwas verwirrend fand ich teilweise seine -verzeiht den Ausdruck - 'Korinthenkackerei' wo er hier mal 0.6 Mio. wegrechnet und da mal wieder hin um dann am Ende eine 'Bereinigung' des Näherungswertes von vielleicht einem Prozent zu erreichen. Kann man machen - muss man aber nicht.

Auf den letzten knapp 150 Seiten stellt er die Arbeitsweisen folgender (mehr oder weniger) bekannten Value Investoren vor: Warren Buffett (v.a. über Auszüge aus seinen Aktionärsbriefen), Mario Gabelli, Glenn Greenberg, Robert Heilbrunn, Seth Klarman, Michael Price, Walter + Edwin Schloss und Paul Sonkin. Diesen Teil fand ich auch sehr interessant, da man noch einmal schwarz auf weiß gezeigt bekommt, dass innerhalb der Disziplin des Value Investing auch 'Mehrere Wege nach Rom führen'.

Fazit:

Mir hat das Buch recht gut gefallen. Vor allem die Beschreibung der Arbeit der mir (bis auf die Namen) eher unbekannten Investoren fand ich sehr interessant. Buffett, Gabelli, Klarman und die Schlosses waren mir schon bekannt, aber auch die Herangehensweisen der anderen Investoren (und vor allem ihre Track Records wie z.B. die 25 % p.a. von Greenberg von 1984-2000) waren sehr nett zu lesen. Teilweise verliert er sich ein wenig zu sehr in Details und die Vorstellung von Buffett war für meinen Geschmack etwas zu umfangreich (wenn man dessen Biographie bzw. andere Zusammenfassungen seiner Aktionärsbriefe schon gelesen hat), aber das sei ihm verziehen. Die knapp 12 Euro, für die man es bei Amazon gebraucht erstehen kann, sind aber auf jeden Fall gut investiert.

Von Bruce Greenwald gibt es auf Youtube übrigens zahlreiche interessante Videos. Hier z.B. einmal ein interessantes Interview mit ihm (damit man mal ein Bild zum Namen vor Augen hat):

Samstag, 25. August 2018

EV/FCF-Verhältnis als Alternative zum KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis)

EV/FCF-Verhältnis als Alternative zum KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis)

Eine der bekanntesten und beliebtesten Kennzahlen ist ja das KGV bzw. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das findet man auf den meisten Finanzseiten auch immer an prominenter Position gleich neben dem Kurs und es wird von vielen Leuten als die Bewertungskennzahl schlechthin angesehen. Ich bin hier der Meinung, dass die Kennzahl besser ist, als nichts, aber dass sie durchaus auch kritisch gesehen werden kann. Das KGV errechnet sich aus dem Preis der Aktie geteilt durch den Gewinn der Aktie. Grob ausgedrückt kann man daran erkennen, wie viele Jahre es dauern würde, den Preis, welcher aktuell zu zahlen ist, bei Vollausschüttung konstanter Gewinne wieder herauszubekommen. Kostet eine Aktie beispielsweise 10 Euro und der Gewinn pro Aktie liegt bei 2 Euro, erhält man ein KGV von 5. D.h. umgekehrt, dass ich meine 10 Euro wieder heraushätte, wenn mir das Unternehmen den Gewinn in den nächsten 5 Jahren 1:1 auszahlt (5 Jahre * 2 €/Jahr = 10 €).

Das Problem an der Sache: das KGV ist nur eine Momentaufnahme und es werden viele wichtige Fakten (sprich die Realität) nicht mit berücksichtigt. Diese wären z.B. dass die Bilanzstruktur (Guthaben, Schulden) nicht mit einfließt, dass ausgewiesener Gewinn nicht gleich Geld auf dem Konto ist, dass Gewinne schwanken können, dass zum Wachstum (oder manchmal auch einfach zum Erhalt des Status Quo) investiert werden muss etc. In Amazon oder Netflix investiert ja z.B. aktuell niemand, weil er/sie anhand der aktuell vorliegenden Zahlen ernsthaft erwartet, erst in 150 Jahren seinen Einsatz wieder zu bekommen (+ bei Tesla evtl. nie :-)).

Ich würde erfahrenen Investoren, welche ihre Investmententscheidungen u.a. anhand von Kennzahlen treffen, immer erst einmal 2 Fragen stellen:

  1. Was ist für dich wichtiger: die Marktkapitalisierung (Anzahl ausstehender Aktien * aktueller Kurs) oder aber der Enterprise Value (grob gesagt Marktkapitalisierung - Zahlungsmittel + Finanzschulden + Minderheitenanteile)? Meine Antwort wäre hier eindeutig der EV, da hier auch die Bilanz mit betrachtet wird. Mir ist nämlich ein schuldenfreies Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 100 Mio. und 50 Mio. auf dem Konto lieber, als ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 140 Mio., 20 Mio. Cash und 80 Mio. ausstehenden Krediten - vergleichbare Einkünfte vorausgesetzt.
  2. Was ist für dich wichtiger: der ausgewiesene Nettogewinn oder aber der Free Cash Flow (also der Betrag, der auch tatsächlich nach Abzug von Investitionen auf dem Konto verblieben ist)? Meine Antwort wäre hier auch in den meisten Fällen der Free Cash Flow, da einem damit bewusster wird, dass eine geschriebene Rechnung (wird in GuV berücksichtigt, genau wie nicht-cashwirksame Punkte wie Abschreibungen oder aber Aktienoptionen) noch lange keine bezahlte Rechnung ist. Man sollte also auch immer einen Blick in die Kapitalflussrechnung werfen.

Schlussfolgerung aus Antworten: Nutze EV/FCF statt KGV

Was liegt also näher, statt des KGV das EV/FCF-Verhältnis für die Bewertung zu benutzen? Komischerweise habe ich noch keine Finanzseite gefunden, welche diese Kennzahl ausweist. Nicht mal das Kennzahlenparadies Gurufocus. Ich persönlich benutze diese Kennzahl immer wieder gerne für Vergleiche innerhalb einer Branche bzw. auch zur Riskikominimierung. Bei der Berechnung des EV muss man sich nämlich zwangsläufig mit der Bilanz auseinandersetzen und findet so oft auch Unternehmen, welche sich in einer exzellenten Position befinden, weil sie z.B. viel Cash auf der hohen Kante haben und keine Schulden zurückzuzahlen sind. Für die gilt dann meistens: ohne Schulden sind Unternehmen bisher selten pleite gegangen. Und auch ein Blick in die Kapitalflussrechnung ist Pflicht, da man dort gut erkennen kann, was an Cash reinkommt, was so an Optionen bezahlt wird, was so abgeschrieben wird und wie das Unternehmen investiert (wird z.B. nur eher organisch gewachsen oder anorganisch durch Unternehmensübernahmen).

In jüngerer Vergangenheit habe ich durch die Nutzung dieser Kennzahl durchaus ein paar positive Investmententscheidungen getroffen (z.B. dass ich Hibbett Sports im August letzten Jahren nicht verkauft habe, dass ich kurzzeitig Perion Network in mein Portfolio aufgenommen hatte oder aber dass ich bei F5 Networks und Robert Half International aktuell investiert bin). Retrospektiv gesehen hat mich die Nutzung der Kennzahl auch vor falschen Investments bewahrt (ich denke da nur mal Mox Telecom, die damals einen niedrigen einstelligen KGV hatten, aber stark negative Cash Flows - die sind dann pleite gegangen). Gleichzeitig hätte ich sie auch nutzen sollen, um voreilige Verkäufe zu unterlassen (wie z.B. bei Apple vor ein paar Jahren oder aber Hibbett Sports Anfang diesen Jahres). Aber man lernt ja nie aus und es ist auch unmöglich, immer richtig zu liegen. Bei richtiger Diversifikation reicht es im Normalfall aus, wenn man in etwas mehr als 50 % der Fälle richtig liegt. Wir müssen uns einfach bewusst sein, dass nicht jeder wie Warren Buffett oder Charlie Munger sein kann.

Kritik:

Die EV/FCF-Kennzahl ist natürlich kein Allheilmittel und auch eher für etablierte Unternehmen geeignet (bei schnell wachsenden Unternehmen ist der FCF meist negativ). Bei Wachstumsunternehmen mit negativem FCF hilft es dann meistens, nicht die Momentaufnahme zu betrachten, sondern das, was evtl. sein könnte, wenn denn mal tatsächlich nachhaltig Cash generiert wird. Stefan Waldhauser vom High-Tech-Investing-Blog bzw. The-Digital-Leaders-Fund wird mir da sicher zustimmen. Bei mir persönlich ist das z.B. ein Punkt, welcher mich aktuell von einem Einstieg bei der Datagroup abhält. Wenn dort alles gut läuft, generieren sie irgendwann gute Cash Flows. Was ist aber, wenn es weiter so schwankend läuft, wie in den vergangenen 12 Jahren und ständig neue Unternehmen zugekauft werden (müssen)? Zusätzlich fehlte in den 9-Monats-Zahlen die Kapitalflussrechnung...

Insgesamt gesehen sollte man die EV/FCF-Kennzahl auch immer noch mit dem Wachstum ins Verhältnis setzen (so wie es beim PEG auch gemacht wird, bei dem das KGV durch die Wachstumsrate beim Gewinn/Aktie zu teilen ist -> d.h. ein KGV von 40 bei einem Wachstum von 40 % ist besser, als ein KGV von 15 und einem Wachstum von 2 % - hier verweise ich gerne auf die Bücher von Peter Lynch bzw. auf das Buch The Zulu Principle von Jim Slater). Aber das wäre dann schon wieder mal als Thema für einen Folgeartikel denkbar.

Fazit:

Es gibt Alternativen zum KGV und ich persönlich habe sie auch in mein Bewertungsexcel aufgenommen. Wenn ihr bei Stammtischgesprächen oder aber langweiligen Parties glänzen wollt, so gebt einfach einige der dargestellten Argumente zum Besten. Kauft nicht alles mit einem niedrigen KGV und kauft nicht alles mit einem niedrigen EV/FCF (wobei eure Erfolgswahrscheinlichkeit damit etwas höher liegen dürfte). Wenn ihr Gefallen an Erläuterungen zu weiteren Kennzahlen haben solltet, sei euch die Seite DIY-Investor empfohlen.

Disclaimer:

In diesem Artikel wurden einige Unternehmen genannt. Die getroffenen Aussagen sind nicht als Empfehlung jeglicher Art zu werten. D.h. ich habe nicht gesagt, dass ein Leser Aktien eines der Unternehmen kaufen, halten oder verkaufen sollte. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es neben dem KGV auch noch andere hilfreiche Kennzahlen gibt, welche teilweise aussagekräftiger sein können.