Freitag, 5. August 2016

Tesla (TSLA): Rosarote Brille ab - Was bleibt?

Tesla (TSLA): Rosarote Brille ab - Was bleibt?

Da Tesla vor kurzem mal wieder wie zu erwarten schlechte Zahlen gemeldet hat, wollte ich an dieser Stelle auch einfach mal meine 5 cents zum Thema loswerden. Dank eines Bekannten, der sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt und E-Fahrzeuge gerne voran bringen würde, hatte ich die Chance 2 Tesla zu fahren: einen Tesla Roadster und ein Tesla Model S.

Von daher kann ich sagen, dass die Produkte der Firma super sind und viel Spaß machen. Sollte man aber deswegen in Tesla investieren? Das darf jeder selbst entscheiden, aber ich habe es bisher nicht getan und werde es in naher Zukunft auch nicht tun. Und das liegt einzig und allein daran, dass es bisher nicht geschafft wurde, wirtschaftlich gesehen auf einen grünen Zweig zu kommen und ich dieses auch in den nächsten Jahren nicht sehe (v.a. durch die SolarCity-Übernahme). Jede andere Firma wäre mit solchen Geschäftszahlen schon lange pleite gewesen. Doch es gibt eben noch viele, die in Tesla das Unternehmen der Zukunft im Bereich Automobilbau sehen. Meine Meinung dazu: Tesla ist nur deswegen so stark, weil sich die meisten anderen Automobilhersteller v.a. aus wirtschaftlichen Gründen bislang größtenteils zurück gehalten haben. Klar gibt es einige Prestigeprojekte, wie den BMW i3 oder i8, den E-Up! und eGolf von VW, den Renault Zoe oder den Nissan Leaf. Deutschlandweit ca. 25.000 gemeldete Elektrofahrzeuge (Zahlen von Anfang 2016 - jetzt wahrscheinlich ein paar tausend mehr) sprechen meiner Meinung nach aber eine deutliche Sprache.

Was spricht momentan für Elektroautos?

  1. Gute Beschleunigung. Damit zu fahren, macht Spaß.
  2. 'Grüne' Art der Fortbewegung durch weniger CO2-Ausstoß (je nachdem, woher der Strom kommt). Somit gutes Image.
  3. Niedrige Wartungskosten (kein Öl, weniger Verschleißteile, Bremsen werden weniger beansprucht).
  4. Sind leise.
  5. Es gibt im Moment Förderung in Deutschland. Da diese allerdings auch Hybridfahrzeuge fördern, ist das Ganze leicht fehlgeleitet. Am kaputten Strommarkt (und den eigenen Stromrechnungen) kann man allerdings auch erkennen, was passiert, wenn eine Regierung bestimmte Projekte subventioniert.
  6. Für Pendler ideal (Leute die täglich max. 150 km zurücklegen).

Was spricht momentan eher gegen Elektroautos?

  1. Die Reichweite ist nicht jedermanns Sache. Die wenigsten schaffen wie Tesla momentan mehr als 300-400 km. Daher sind sie für Langstreckenfahrer nur eingeschränkt nutzbar. Und für Urlaubsfahrten sowieso.
  2. Meist niedrige Höchstgeschwindigkeit. In der Stadt und auf dem Land i.O. Auf der Autobahn nicht so. Viele stört das wahrscheinlich nicht, aber damit sind sie für Langstreckenfahrer wieder nur eingeschränkt nutzbar.
  3. Es gibt noch zu viele, die an einem Erfolg der E-Fahrzeuge nicht wirklich interessiert sind: Seien es Werkstätten (denen zukünftige Gewinne aus regelmäßiger Wartung entgehen), Ölunternehmen, Automobilzulieferer + Autohersteller selbst (hohe Entwicklungskosten bei unsicheren Ertragsaussichten) oder aber auch der Staat, der am Kraftstoffverkauf auch ganz gut verdient.
  4. Momentan kein schnelles Tanken möglich. Ladeinfrastruktur noch in den Kinderschuhen und es gibt nur wenige Firmen, die den Ausbau voran treiben. Vielleicht sollte hier mehr gefördert werden.
  5. Batteriemiete.
  6. Man muss sich Ladestation installieren. Machbar für viele in der Bevölkerung. Wie macht man das aber als Mieter ohne eigene Garage/Stellplatz?
  7. Der Preis: Bis auf wenige Ausnahmen (Nissan Leaf, Renault Zoe) sind die Fahrzeuge vergleichsweise teuer. Beispiel gefällig: hier. Tesla sowieso.
  8. Es gibt quasi keinen Gebrauchtwagenmarkt. Und da die wenigsten Leute Neuwagen kaufen können bzw. diejenigen, welche Neuwagen kaufen (Geschäftsleute, Firmen) wahrscheinlich nicht so oft zu reinen E-Fahrzeuge greifen, bleibt das wohl auch in den nächsten Jahren so. Wenn man dann in 3-4 Jahren ein gebrauchtes E-Fahrzeug kauft und eine komplett neue Batterie benötigt/mieten muss, werden sich wieder viele aus Kostengründen dagegen entscheiden.
  9. Design: Bis auf Tesla sind die Fahrzeuge des Massenmarktes (i8 damit ausgenommen) alles andere als ein Augenschmauß. Aber das ist Ansichtssache.
  10. Nicht jeder kann solche Fahrzeuge reparieren. Dazu braucht man meines Wissens nach eine spezielle Ausbildung, welche die wenigsten haben. D.h. der Besuch der Wald- und Wiesenwerkstatt um die Ecke fällt dann aus.
  11. Es gibt noch zu wenig Vielfalt. Es können in Zukunft nicht alle auf einmal das Model 3 fahren, nur weil es das vergleichsweise beste Fahrzeug auf dem Markt wäre. Markentreue gibt es v.a. bei Autos.

Zurück zum Investmentcase Tesla.
Hier mal die Geschäftszahlen:

Wie man sieht, ist der Umsatz massiv gestiegen in den letzten Jahren. Die Verluste sind aber auch größer geworden. Positiver Free Cashflow konnte bisher noch gar nicht erwirtschaftet werden (klar: Wachstum kostet). Die Anzahl ausstehender Aktien hat sich seit dem Börsengang fast verdreifacht. Gleichzeitig ist der Aktienkurs in Dollar ca. 9 mal so hoch, wie Ende 2010. In Euro sogar noch mehr. D.h. die Leute, die damals investiert haben, können mir den dicken Finger zeigen. Irgendwie fühle ich mich hier an die New Economy erinnert...

Und hier noch die Zahlen von SolarCity, der "Perle", welche Tesla bis Ende des Jahres für 2,6 Mrd. Dollar in Tesla-Aktien übernehmen will:

Sieht meiner Meinung nach nicht viel besser aus. Vor allem, wenn ich auf die Schulden schaue (Abschnitt 5. Indebtedness im letzten 10Q), für die ja dann rein theoretisch Tesla verantwortlich ist, kann einem Angst und Bange werden. Vielleicht haben die Kollegen ja 2 Grundrechenarten verwechselt (Addition mit Multiplikation). Die Multiplikation von 2 negativen Zahlen (Tesla-Verluste und SolarCity-Verluste) würde eine positive Zahl ergeben, die Addition nicht! Vergleicht man Geschäftszahlen von SolarCity und First Solar (der Nr. 1 im Solarmarkt USA), so hätte eine Übernahme von FirstSolar mehr Sinn gemacht. Die erwirtschaften nämlich bei knapp 4 Mrd. Umsatz in den letzten 12 Monaten einen Gewinn von knapp 800 Mio. (OK, der Cashflow ist nicht so hoch) und sind schuldenfrei (1.8 Mrd. CCE, 1.8 Mrd. Total Liabilities). Zugegeben: Die haben eine höhere Marktkapitalisierung (4.8 Mrd.), aber der Enterprise Value liegt mit 2,9 Mrd. wesentlich unter dem von SolarCity (Note to myself: FirstSolar mal anschauen). Aber an denen hält Elon Musk, der Tesla-CEO, auch keine >20 %-Beteiligung und seine Verwandten sind dort auch nicht im operativen Geschäft tätig. Ein Schelm, der böses dabei denkt :-) Mit überbewerteten Aktien für Übernahmen zu bezahlen, ist allerdings auch nicht der schlechteste Schritt. Die Zukunft wird zeigen, wie es ausgeht. Kann ja durchaus auch gut gehen. Da pro SolarCity-Aktie 0,11 Tesla-Aktien bezahlt werden und Tesla keine eigenen Aktien (treasury shares) besitzt, würden das bei ca. 98 Mio. ausstehenden SolarCity-Aktien ca. 10,8 Mio. neue Aktien Tesla-Aktien bedeuten. Da zuletzt ca. 140m Aktien ausstanden, sind es demnächst ca. 150m.

Das Apple der Automobilindustrie?
Zum oftmals aufgeführten Vergleich mit Apple: Natürlich gibt es gewisse Parallelen (Innovationen; charismatischer, aber charakterlich schwieriger CEO; massig Fanboys), aber auch einige Sachen, die nicht wie bei Apple sind/waren (Apple hat auch vor dem iPhone schon Gewinne gemacht bzw. eine starke Bilanz; ein Auto ist nun mal wesentlich teurer, als ein Smartphone). Daher kann man Tesla zwar mit Apple vergleichen, was aber nicht heißt, dass das Ergebnis (=der Geschäftserfolg) dem von Apple gleicht oder zukünftig gleichen wird.

Bewertung:
Ich persönlich investiere nicht in Tesla, da ich mein erwartetes Return on Investment nicht bestimmen kann. Ich habe keine Ahnung, welche Gewinne und welcher Free Cashflow in Zukunft erwirtschaftet werden könnten. Da gibt es einfach zu viele Variablen. Normalerweise würde ich sagen, dass ich einem Unternehmen der Automobilbranche einen KGV von maximal 10 zugestehe. D.h. bei der aktuellen Bewertung müsste Tesla 3 Mrd. Gewinn machen, damit ich es kaufe. Evlt. auch weniger, wenn das Wachstum stimmt. Die Bestandswertmethode (nach Bilanzpositionen vorgehen) macht hier keinen Sinn. Und nur mit Kurs-Umsatz-Verhältnissen zu hantieren, ist nicht meine Sache. Dr. Damodaran hat sich hier zwar herangetraut, aber der macht den ganzen Tag nichts anderes und ist auch wesentlich erfahrener, was Bewertungen angeht. Zusätzlich gab es zuletzt einiges an schlechter Presse (Autopilot-Thematik, lange Wartezeiten nach Bestellung, Übernahme von SolarCity gefällt nicht jedem). Zur Finanzierung der aktuellen Aktivitäten (Model 3-Einführung irgendwann mal, Ausbau der Produktionskapazitäten + Giga Factory, Übernahme von SolarCity) erwarte ich in den nächsten Monaten/Jahren eine weitere Verwässerung der Aktienanzahl durch Kapitalerhöhungen bzw. Ausgabe von Aktien. Aus dem laufenden Geschäft kommen die Gelder im Moment nicht und auch eine Finanzierung mit Fremdkapital (Kredite, Anleihen...) ist meiner Meinung nach zu riskant (für Geldgeber) oder zu teuer (für Tesla). Siehe hierzu auch Abschnitt 'Convertible Senior Notes Carrying Value and Interest Expense' im jeweiligen 10k. Und die Schulden von SolarCity kommen ja dann irgendwann auch noch hinzu und müssen bedient werden. Ein Blick auf die Optionen (Abschnitt 'Equity Incentive Plans') zeigt, dass Ende 2015 auch noch 20 Mio. Optionen mit einem Durchschnittspreis von rund 46 $ ausstehend waren. Das könnte also auch noch teuer werden, wenn der Kurs so hoch bleibt, und zusätzlich die Verwässerung vorantreiben...

Fazit:
Ich bin persönlich für Elektrofahrzeuge und werde irgendwann in Zukunft mit großer Sicherheit auch eins fahren. Wäre das Model S (und v.a. das Model X) nicht so teuer (> 60.000 €), würde ich mir gerne eins kaufen. Die Bilder des Model 3 sehen vielversprechend aus und ich bin am Ende auf den Preis gespannt, wenn es denn mal auf den Markt kommt. Da das Geld bei mir den größten Einfluss auf den Autokauf hat und die Ist-Situation der E-Fahrzeuge (Ladeinfrastruktur, Reichweiten, Batterietechnik) mich im Moment noch abschreckt, bleibe ich bei meinem aktuellen Fahrzeug. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Und so geht es meiner Ansicht nach vielen... Zum Thema Elektroautos gibt es übrigens 2 sehenswerte Dokumentationen, die das Dilemma der Branche ganz gut aufzeigen: 'Who Killed the Electric Car?' und dessen Nachfolger 'Revenge of the Electric Car'. Teil 2 machte zwar Hoffnung, 5 Jahre später zeigt sich aber, dass es doch nicht so schnell vorwärts ging, wie erhofft.

Zu Tesla als Investment: Viel Glück allen Investierten. Wer vor einigen Jahren eingestiegen ist und bis jetzt durchgehalten hat, hat wohl alles richtig gemacht. Die Frage ist, wer von diesen Investoren diesen Investmenterfolg auch wiederholen könnte? Elon Musk hat auf jeden Fall im Frühjahr mal locker flockig ca. 2,8 Mio. Aktien im Wert von knapp 600 Mio. $ veräußert. Von irgendwas muss man ja leben :-) Wenn ich Leerverkäufe machen würde, wäre das ein Kandidat für mich, denn im Moment schätze ich die Warscheinlichkeit auf niedrigere Kurse wesentlich größer ein, als auf höhere Kurse. Obwohl: Man weiß bei solchen Unternehmen nie, wer um die Ecke kommt und sagt 'Dadd will isch haben'. Vielleicht bin ich irgendwann auch dabei, wenn Gewinne erwirtschaftet werden oder aber die Bilanz besser ausschaut. So sage ich im Moment aber eher 'Isch möschte nicht'.

Kurzer Hinweis zum Schluss: Dies ist meine Meinung. Ich habe mich durch einige Geschäftsberichte gearbeitet und selbst Kennzahlen berechnet. Dabei können natürlich Fehler passiert sein (etwas übersehen/falsch interpretiert). Daher also unbedingt selbst nachschauen/rechnen, bevor ihr irgendwas macht!

Kommentare:

  1. Servus, jede Menge Warnungen:

    - Die Solarcity-Übernahme sieht aus wie ein Bailout, und ist wahrscheinlich auch einer
    - Musk hält große Beteiligung, Cousins sind operativ verantwortlich bei Solarcity (wie du geschrieben hast)
    - Musk's dritte Firma, SpaceX, hat bereits einen Kredit an Solarcity vergeben, d.h. mit der Übernahme bailt er nicht nur Solarcity aus, sondern auch noch SpaceX, da es ziemlich unrealistisch scheint, dass Solarcity aus eigener Kraft zurückzahlen kann
    - Tesla verspricht immer viel, hält eigentlich nie
    - Tesla ist trotz massiver Unterstützung der Steuerzahler (Regierungen, wie auch Solarcity) und bisher praktisch nicht vorhandener Konkurrenz nicht in der Lage auch nur annähernd in die schwarzen Zahlen zu kommen
    - Zulieferer Mobileye hat gekündigt (und nicht anders herum) - unverantwortlicher Umgang mit Autopilot-Systemen
    - ich könnte noch weiter machen, aber mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein

    Und auch wenn das nicht unbedingt ein Grund sein muss, dass es Tesla nie in die Gewinnzone schaffen wird: im Endeffekt produziert Tesla derweil mit Steuergeld geförderte Spielzeuge für Reiche (ich weiß, mit dem neuen Modell soll es in den Massenmarkt gehen... schauen wir mal). Der Strom, mit dem die Autos getankt werden müssen kommt übrigens auch nicht zu 100% aus Solarstrom...

    Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll: wer hier investiert, ist einfach selbst schuld. Es muss nicht schief gehen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr hoch. Warnsignale gibt es noch und nöcher...

    Tom

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Servus Tom,

      sehe ich alles genau so. Bin auch gespannt, wie es weitergeht...

      Löschen